Im ersten Artikel zur Wirklichkeitskonstruktion sind wir der Frage nachgegangen, wie man die Wirklichkeit mit Modellen beschreiben kann. Dabei haben wir uns auf eine Wirklichkeit und verschiedene Abbildungen einer Realität beschränkt. Wie kann man sich der Beschreibung der Wirklichkeitserfahrung nähern, wenn man verschiedene Modelle miteinander verschränkt? Wie kann man selbst eine differenzierte Wirksamkeitserfahrung machen, indem man Modelle miteinander kombiniert?
Nehmen wir als einfaches Beispiel an, wir hätten zwei Karten. Eine, in der alle Gasthäuser mit ihren Eigenschaften wie Bettenanzahl, Öffnungszeiten, Art der Küche und Sternebewertungen verzeichnet sind. Eine andere, die schlicht zum Wandern dient. Beide Karten sind für eine Region in Südfrankreich aktuell. Was wäre nun, wenn wir beide Modelle der Wirklichkeit miteinander kombinieren? Welchen Mehrwert generiert das? Würde man nicht auf den Gedanken kommen, als Wanderer die Tour so zu planen, dass man abends mit einem kühlen Pils auf den Erfolg der Wanderung im erreichten Gasthaus anstößt?
Es gibt dutzende von Beispielen, wo Modelle aus der Kybernetik mit soziologischen oder psychologischen Modellen "gekreuzt" wurden. Eines ist z.B. das Viable System Model (VSM), welches die Grundelemente der Kybernetik mit Modellen des Organisationsmanagements zusammenführt. Warum auch nicht, wenn durch die Überschneidung von Modellen ein Mehrwert entsteht? Der kreative Umgang mit Modellen birgt wunderbare Potenziale, die eigene Wirklichkeitserfahrung zu erhöhen und die eigene Selbstwirksamkeit zu steigern.
1. Welche Bedeutung haben Modelle für die eigene Wirksamkeit?
Praktisch alles, was uns umgibt oder was wir im Alltag nutzen, ist durch Modelle entstanden. Die Naturwissenschaften haben die Wirklichkeit eingefangen und beherrschbar gemacht über Abbilder der Natur. Ebenso haben Psychologie und Soziologie soziale Systeme beschreibbar gemacht über Abbilder sozialer Interaktionen.
Theorien sind Netze, in denen wir fangen, was wir "die Welt" nennen; mit ihnen machen wir die Welt unserem Verstand zugänglich, erklären und meistern sie. Dabei bemühen wir uns, die Maschen des Netzes kleiner und kleiner zu machen.
— K. Popper
Theorien und Modelle sind empirisch und/oder wissenschaftlich begründete Aussagen über die beobachtete Wirklichkeit, die eine bestimmte Perspektive der Wirklichkeit erklären. Zu oft wird dabei in Schule, Universität und Beruf erklärt "So ist die Welt". Die vielen Fragen und die Hintergründe, die zu diesen Modellen geführt haben, werden kaum vermittelt. Was motivierte Einstein zu seiner Relativitätstheorie? Warum beschäftigten sich Debye und Hückel mit einem Modell für elektrostatische Wechselwirkungen von Ionen? Warum begann Luhmann seine Systemtheorie?
Alle Modellbildner hatten Fragestellungen, die nicht mit gängigen Modellen die Wirklichkeit erklärten. Das Wissen ihrer Zeit offenbarte Lücken in der eigenen Wirklichkeitserfahrung — weshalb die Modellkünstler ihrer Zeit in fantasievoller Modellbildung kreativ wurden.
Phantasie/Vorstellungskraft ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.
— Albert Einstein
Wenn wir uns selbst und unserem Umfeld nicht erlauben, kritische und kreative Fragen zu stellen, dann verpassen wir vielleicht ein ganzes Universum an kleinen Wundern und faszinierenden Entdeckungen. Wenn wir anderen erlauben, uns alle Antworten unseres Lebens zu geben, ohne diese zu hinterfragen, dann wird dies ganz sicher nicht unsere Mündigkeit und Wirksamkeit erhöhen.
Wir müssen unbedingt Raum für Zweifel lassen, sonst gibt es keinen Fortschritt, kein Dazulernen. Man kann nichts Neues herausfinden, wenn man nicht vorher eine Frage stellt. Und um zu fragen, bedarf es des Zweifelns.
— Richard P. Feynman
Alle wissenschaftlichen Modelle um uns herum sind Modelle, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Es sind Abbilder einer viel größeren Realität, die noch so viel bereithält. Durch die Entstehungsgeschichte der Modelle, ihre Fragen und ihre Anwendung können wir erkennen, welche Modellfaktoren in unserem Leben positiv oder negativ auf uns wirken — und wie wir diese beeinflussen können.
2. Exkurs: Was haben Lego Movie und Matrix mit kreativer Modellbildung zu tun?
Als ich mich damals an der Kinokasse sehr spontan für den Film Matrix entschieden hatte, bin ich nach dem Abspann hinten aus dem Kino raus und vorne wieder rein — schlicht um den Film gleich ein zweites Mal zu schauen. Der Film Matrix war bislang der einzige Film, den ich am gleichen Tag zweimal im Kino gesehen hatte.
In beiden Filmen — Matrix und Lego Movie — gibt es einen Protagonisten, dessen Leben als unauffälliger gewöhnlicher Mensch beginnt. Er hebt sich nicht von der Allgemeinheit ab und schwimmt im Strom der Konformität. Das Leben dieser Menschen nimmt eine dramatische Wendung, als sie einem Mentor begegnen, der ihnen offenbart, dass ihre bisherige Wahrnehmung der Welt ungenau und unvollständig ist. Durch diese Erfahrung erkennen sie, dass die Welt noch viel mehr zu bieten hat als bisher erkannt — und dass sie dazu auserwählt sind, ihre jeweilige Welt zu retten.
Dafür erwerben sie neue Fähigkeiten, um die Welt um sich herum mit anderen Augen zu sehen und kreativ zu gestalten. Schließlich werden beide zu selbstwirksamen Meistern ihrer Realität und bringen Hoffnung für alle anderen Menschen.
Du bist die begabteste, interessanteste und außergewöhnlichste Person im ganzen Universum. Du bist zu den außergewöhnlichsten Dingen im Stande — denn du bist "Der Besondere". So wie ich, so wie alle anderen auch.
— Emmet Brickowski, frei interpretiert nach Lego Movie
3. Wie können bekannte und neue Modelle auf das eigene Leben angewendet werden?
Das Bewusstsein der Modellbildung unserer Wirklichkeit und die Anwendung der Modelle ist ein wichtiger Schritt, die eigene Wirksamkeit zu verbessern. Jedes Modell dient einem Zweck, die Komplexität unserer Welt zu reduzieren und sie so unserem Handeln und unserer Entscheidungsfindung zugänglich zu machen.
- Identifikation aktiver Modelle: Welche Modelle beschreiben hinreichend unsere Wirklichkeit und helfen uns, unser Leben zu beeinflussen? Es ist wichtig, diese Elemente nicht isoliert zu betrachten, sondern ihre Wechselwirkungen untereinander zu erkennen. Ein kritisches In-Frage-stellen der Modelle und ihrer Prämissen ist nicht optional, sondern bedeutsam.
- Analyse von Wechselwirkungen: Sind im ersten Schritt die wesentlichen Modelle identifiziert, geht es darum zu deuten, wie sich eigene Handlungen und Entscheidungen in den geltenden Modellen erklären lassen — und umgekehrt. Durch kontinuierliches Überprüfen der Modelle und ihrer Wirklichkeitsgültigkeit können positive Veränderungen verstärkt und negative Entwicklungen rechtzeitig erkannt werden.
- Entwickle kreative Modelle: Aus den vorherigen Schritten gewonnene Erkenntnisse können genutzt werden, um individuelle eigene Modelle zu entwickeln. Löse dich von eingefahrenen Denkmustern und sei offen für neue Ideen und Ansätze. Ich selbst schätze den dialogischen Austausch mit Anderen und visualisierte Skizzen — oft werden mir Sachverhalte erst klar, wenn ich sie einer dritten Person skizziere und erkläre.
- Entwickle Indikatoren zur Erfolgsmessung: Nur wenn du regelmäßig überprüfen kannst, ob das erstellte Modell noch funktioniert, und gegebenenfalls Anpassungen vornimmst, kannst du langfristig erfolgreich sein. Definiere klare, messbare Ziele. Auch Feedback von anderen Personen kann dabei helfen, eventuelle blinde Flecken im eigenen Denken aufzudecken.
4. Fazit: Mit kreativer Modellbildung zu mehr Selbstwirksamkeit
Durch kreativen Umgang mit Modellen kann jeder seine eigene Selbstwirksamkeit steigern. Durch die Anwendung der modellbildenden Theorien auf das eigene Leben können individuelle Systeme und ihre Elemente identifiziert werden. Die Analyse von Wechselwirkungen im eigenen System ermöglicht es, ein kreatives Modell zur Optimierung der eigenen Wirksamkeit zu entwickeln. Dabei ist es wichtig, das Modell in konkrete Handlungsstrategien umzusetzen und den Erfolg regelmäßig zu messen. Nur so kann eine kontinuierliche Weiterentwicklung des Modells stattfinden und die eigene Selbstwirksamkeit gestärkt werden.
Insgesamt bietet die kreative Modellbildung eine effektive Möglichkeit für jeden, seine Ziele zu erreichen und sein Potenzial voll auszuschöpfen. Sei "Bob der Baumeister". Sei "Emmet Brickowski". Sei "Neo".
Herzlichst,
Matthias
Quellen
- K. Popper, Logik der Forschung, 1935, ISBN: 9783165380019
- Albert Einstein, "What Life Means to Einstein", The Saturday Evening Post, 26. Oktober 1929, saturdayeveningpost.com
- Richard P. Feynman, Es ist so einfach, 2011, ISBN 978-3492237734
- Evrim Kutlu, Liebe — Bildung — Person: Die Bedeutung der Bildung im Mensch- und Gottwerdungsprozess, DOI: 10.13136/thau.v3i0.59
- Melanie Niedermayr, Potenziale von ersten Spielen für das Lernen Erwachsener, 2020