Um uns in unbekannten Gebieten zu orientieren, ist es wichtig, die richtige Ausrüstung dabei zu haben. Ein Kompass und eine Karte können uns helfen, unseren Weg zu finden und unsere Route festzulegen. Aber woher bekommen wir diese Karte? Wer hat sie erstellt und ist sie noch aktuell? In diesem Artikel geht es nicht nur um die Kartographie einer bestimmten Region — es geht um das abstraktere Konzept der allgemeinen Modellbildung. Durch das Erstellen von Modellen können verschiedene Perspektiven berücksichtigt werden, um komplexe Zusammenhänge besser verstehen zu können. Diese Modelle ermöglichen es uns, Entscheidungen auf Basis dieser Informationen zu treffen und unsere Ziele effektiver zu erreichen.
1. Einleitung: Warum ist Modellbildung wichtig?
Wissen ist kein Bild oder keine Repräsentation der Realität, es ist vielmehr eine Landkarte dessen, was die Realität uns zu tun erlaubt. Es ist das Repertoire an Begriffen, begrifflichen Beziehungen und Handlungen oder Operationen, die sich in der Verfolgung unserer Ziele als viabel erwiesen haben.
— Ernst von Glasersfeld
Die Modellbildung ist ein bedeutender Prozess, um die komplexe Realität zu erfassen und besser zu verstehen. Oftmals betrachten wir die Realität aus verschiedenen Blickwinkeln und nehmen sie dadurch unterschiedlich wahr. Indem wir Modelle erstellen — ähnlich wie Landkarten — können wir verschiedene Perspektiven auf dieselbe Szene der Wirklichkeit einnehmen. Dadurch kann beispielsweise eine Landschaft kartiert werden, um Autofahrern, Historikern, Wanderern, Soziologen, Geologen oder Städteplanern zu helfen. Jeder benötigt seine eigene Sichtweise und Karte der Realität.
Im oberen Bild sind verschiedene Karten für unterschiedliche Nutzer dargestellt. Eine Wanderkarte hilft dabei, einen Weg zu finden, der auf ein bestimmtes Ziel mit entsprechender Bodenbeschaffenheit abgestimmt ist. Die in der Karte enthaltenen Höhenlinien geben eine Vorstellung von der Schwierigkeit des Geländes. Auf diese Weise kann die Modellbildung vorteilhaft genutzt werden:
- Hilfsmittel im Umgang mit Realität
- Verstehen und Prognostizieren von Verhalten
- Veranschaulichen von komplexen Sachverhalten
- Verallgemeinerung von individuellen Prozessen
- Simulation von möglichen Einflussfaktoren oder Szenarien
2. Was ist Modellbildung und wie wird sie angewendet?
Die Erschaffung von Modellen ist nicht nur ein Prozess, sondern der Prozess, um unsere komplexe Wirklichkeit für unseren Verstand zugänglich zu machen. Auf diese Weise schaffen wir eine Abbildung der Realität aus einem bestimmten Blickwinkel heraus, um bestimmte Aspekte oder Zusammenhänge hervorzuheben und andere auszublenden. Dadurch betrachten wir die Realität wie durch verschiedene Brillengläser oder ein vielfarbiges Kaleidoskop. So sind wir in der Lage, verschiedenste Facetten der untersuchten Wirklichkeit wahrzunehmen.
Alle Erkenntnis ist subjektiv und kontextabhängig — gleichwohl ist (nahezu) objektive Schaffung von Wissen möglich.
— Uwe Saint-Mont
Die nach-kantische Philosophie und Naturwissenschaft kann sich der Konsequenz immer weniger entziehen, dass die Hypothesen, die theoretischen Entwürfe der Naturwissenschaften nicht eine an-sich-seiende Wirklichkeit wiedergeben. Sie sind nur Modelle. Das Modell ist also etwas, mit dem wir anstelle einer nicht fassbaren Wirklichkeit operieren.
— G. Frey
Um uns Zugang zur Modellbildung zu verschaffen, müssen wir zunächst verstehen, was ein Modell beinhaltet:
- Kontext: Bevor wir ein Modell konstruieren können, müssen wir den Sinnzusammenhang kennen, der das Modell in einen Sach- und Situationszusammenhang setzt. Dieser Zusammenhang (lat. contextus) verbindet die Situation mit dem Modell. Eine Wanderkarte wäre sinnlos im Kontext einer Wanderung in Sizilien, wenn sie eigentlich das französische Elsass abbilden soll.
- Fragestellung, Problem: Jede Modellierung entsteht aus einer Fragestellung heraus und soll eine bestimmte Antwort liefern. Es gibt praktisch kein Modell ohne Fragestellung wie: "Wie finde ich als Wanderer den Weg durch diese unbekannte Region innerhalb der nächsten 2–4 Stunden?"
- Zweckbezug: Ein Modell wird in der Regel nicht einfach nur zum Spaß erstellt. Jedes Modell hat einen Zweck und dient einem Nutzen. Eine Mars-Wanderkarte hätte wenig Nutzen für gewöhnliche Wanderungen auf der Erde.
Die drei Merkmale — Kontext, Zweck und Nutzen — sind bei jedem Modell vorhanden, aber meistens implizit wie mit unsichtbarer Tinte geschrieben. Sobald ein Modell fertiggestellt ist, enthält es noch wertvolle explizite Merkmale:
- Hypothese: In jedem Modell steckt mindestens eine Annahme, die eine Aussage über die Wirklichkeit treffen soll. Wenn einem Modell mehrere Hypothesen zugrunde liegen und diese bereits bestätigt wurden, spricht man von einer Theorie.
- Lösung, Antwort, Information: Ein Modell stellt immer mindestens eine Lösung bereit. Andernfalls hätte es keinen Zweckbezug und wäre nutzlos.
- Eigenschaft: Ein Modell kann Eigenschaften haben — so wie eine Landkarte einen Maßstab haben kann. Für Fachexperten haben Modelle entsprechend lesbare Eigenschaften.
- Element: Elemente eines Modells sind abgrenzbare Gruppierungen von Eigenschaften, die z.B. funktional gebündelt werden.
- Relation: Innerhalb eines Modells kann es Zusammenhänge mathematischer oder struktureller Natur zwischen Elementen und Eigenschaften geben.
In Anbetracht dessen, was ein Modell alles beinhaltet, wundert es, dass diese Schätze nicht in einfacher Form zugänglich sind — sondern die "unsichtbare Tinte" erst mit Fleiß und einem Hauch Zitronensaft sichtbar gemacht werden muss. Aber die Entdeckung unserer Wirklichkeit ist mit ihren Wirklichkeitsbeschreibungen ein wunderbarer Zugang, alle Facetten dieser Wirklichkeit zu ergründen.
3. Wie können wir eigene Modelle erstellen?
Die Modellbildung nahm ihren Ursprung in der Logik der Philosophie und festigte sich dann durch Wieners Kybernetik und die Systemtheorien von Bertalanffy, Parsons und Luhmann. Aus der Kybernetik kann man das einfache SOMA-Modell zur Modellbildung verwenden. SOMA steht für:
- S – Subjekt: Das Subjekt interpretiert mit entsprechenden Filtern eine Beschreibung der Wirklichkeit.
- O – Original: Das Original ist die Wirklichkeit, die modelliert werden soll.
- M – Modell: Das Modell ist das Abbild der Wirklichkeit aus einer angenommenen Perspektive.
- A – Adressat: Der Adressat formuliert den Zweck, für den das Modell genutzt werden soll.
Zwischen diesen vier Elementen entstehen verschiedene Relationen: Eine Analogierelation zwischen Modell und Original, eine Verfügungsrelation zwischen Modell und Modellsubjekt, eine Verhaltensrelation zwischen Modellsubjekt und Original sowie eine Zweckrelation zwischen Modellsubjekt und Modelladressat.
Um dein eigenes Modell zu erstellen, solltest du eine klare Vorstellung davon haben, was du modellieren möchtest und welches Ziel und Zweck du damit verfolgst:
- Welchen Zweck und Nutzen hat der Nutzer (=Modelladressat) des Modells?
- Wer ist als Modellersteller (=Modellsubjekt) dein Kunde?
- Welche Filterkriterien geben dem Modell die wesentlichen Merkmale der Wirklichkeit?
- Welche relevanten Informationen und Daten hast du zu sammeln?
- Gibt es andere Nutzer oder Zwecke? Gibt es andere Blickwinkel, die zu berücksichtigen sind?
- Wie kannst du dein Modell im Nutzen überprüfen?
Nehmen wir als Beispiel wieder die Erstellung einer Landkarte: Das Modelloriginal ist die Landschaft. Das Modellsubjekt ist der Kartograph. Er ist in der Lage, aus Daten, die er durch Beobachtungen und Messungen gewonnen hat, die Karte zu erstellen. Was und wie viel er einträgt, hängt vom speziellen Zweck der Karte ab. Eine Wanderkarte soll dem Wanderer helfen, sich in der Landschaft zurechtzufinden. Eine Radkarte für einen Radfahrer hätte einen etwas anderen Zweck.
Bedenke: Verschiedene Blickwinkel bringen unterschiedliche Modelle hervor — daher sollten alternative Perspektiven in Betracht gezogen werden. Wer gelernt hat, validierte Modelle der Wirklichkeit zu schaffen, kann sich als Gestalter seines Lebens bezeichnen.
4. Fazit: Mit Modellen die Welt verstehen
Mit Modellen die Welt besser verstehen — das ist Wirklichkeitskonstruktion. Mithilfe von Modellbildung können wir komplexe Zusammenhänge und Situationen verständlicher machen und somit besser begreifen. Doch auch die unterschiedlichen Blickwinkel auf ein Thema können zu unterschiedlichen Modellen führen — hier gilt es herauszufinden, welches Modell am besten geeignet ist, um eine bestimmte Fragestellung zu beantworten.
Dieser Blog soll den Raum öffnen, Erfahrungen und Modelle zu teilen, die die Fähigkeiten zur Wirklichkeitsmodellierung schärfen. So manche Fragen werden unbeantwortet bleiben, einige ein zarter Versuch einer Antwort. So oder so sollte es dir aber helfen, ein klares Bild zu erhalten über dich und die Wirklichkeit, die dich umgibt — und wie du dich in ihr zurechtfinden kannst.
Herzlichst,
Matthias
Quellen
- Ernst von Glasersfeld, Wege des Wissens — Lehren und Lernen aus der Sicht eines Konstruktivisten, 1991, ISBN: 978-3-89670-888-5
- Uwe Saint-Mont, Kontext als Modelle der Welt, Subjektive Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, 2000, ISBN: 3-428-09974-5
- G. Frey, Symbolische und ikonische Modelle, Synthese, Band 12, Ausgabe 2, 1960
- P. Hägele, Physik — Weltbild oder Naturbild?, 2000, Tagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, Regensburg
- K. Popper, Ich weiss, daß ich nichts weiß, und das kaum. ISBN 978-3548348339
- G. Klaus, Wörterbuch der Kybernetik, 1969, ISBN: 9783436010577
- W. Steinmüller, Informationstechnologie und Gesellschaft, 1993, ISBN: 9783534073979